Die ´VERBRAUCHERBESCHWERDE´ - unbequem, aber für den Verbraucherschutz effektiver

VerbraucherbeschwerdeEine Umfrage zu Verbraucherreaktionen beim Fund eines Fremdkörpers aus Glas, Plastik oder Metall in einem Lebensmittel hat ergeben, dass nur jeder zwanzigste Teilnehmer (= 5%) diese "Kontamination" an eine Behörde melden würde: Und das, obwohl beim Verschlucken entsprechender Stücke, Scherben, Splitter oder Späne innere Schnitt- und Stichverletzungen sowie Atemnot mit einem möglichen Erstickungsrisiko nicht auszuschließen sind. Eine weitere Umfrage zur Ergründung dieses Ergebnisses ergab, dass vier von fünf Befragten (= 81%) die Möglichkeit der sogenannten "Verbraucherbeschwerde" bei einer Behörde unbekannt ist; jedem sechsten Teilnehmer (= 16%) ist dieses Angebot zwar geläufig, aber viel zu mühsam oder zu nichts führend.

Die Umfrageergebnisse im Detail:

Umfrageergebnisse

Fakt ist: VerbraucherInnen haben einen Anspruch darauf, dass ihnen durch den bestimmungsgemäßen Genuss eines Lebensmittels bzw. Gebrauch eines Produktes keinerlei Schaden entsteht. Gibt es aber ein oder mehrere Anzeichen dafür, dass von einem Konsumgut eine nicht unerhebliche Gefahr ausgeht und diese Gefährdung keinen offensichtlichen Einzelfall darstellt, sollte auf jeden Fall bei einer Behörde eine "Verbraucherbeschwerde" eingelegt werden. Auch wenn diese Möglichkeit im Gegensatz zu anderen Maßnahmen (Aussortieren / Entsorgen, Umtausch beim Händler, Beschwerde an Hersteller) mit einigem Mehraufwand (Klärungsbedarf von Zuständig- und/oder Verantwortlichkeiten, Terminvereinbarung, Wegezeiten und -kosten, Erklärungsbedarf der Umstände, Ausfüllen von Formularen etc.) verbunden und somit unbequemer ist, so ist eine offizielle Verbraucherbeschwerde auf jeden Fall der beste Weg, der zum Schutz weiterer, möglicherweise betroffener VerbraucherInnen beschritten werden kann.

Zwar kann eine direkte Beanstandung im Handel oftmals verbraucherfreundlich (d. h. schnell) "abgewickelt" werden. Doch entsteht dabei immer wieder der Eindruck, dass weder der eigentliche Grund noch das mögliche Ausmaß einer Reklamation tiefer untersucht bzw. bewertet werden; auch ist fraglich, ob und wie schnell neben dem routinemäßigen Tagesgeschäft eine "Alarmierung" der Zentrale und/oder des Herstellers funktioniert. Wendet man sich direkt an einen Hersteller, so bewegt sich das Ergebnis zwischen kulanter Kompensation und absoluter Funkstille. In beiden Fällen überlässt man dem Hersteller vollends, wie er das Risiko aus-/bewertet, ob, wann und welche Folgemaßnahmen er zum Verbraucherschutz trifft und welchen Erfolg er dabei als ausreichend erachtet. Hierbei ist es mehr als logisch, dass eine öffentliche Produktwarnung / Rückrufaktion eines der letzten Mittel sein wird - zumal eine solche Maßnahme eines besonderen Verantwortungsbewusstseins bedarf, das aber bei jedem Hersteller unterschiedlich ausgeprägt ist.  Bei Einschaltung einer Behörde jedoch ist, auch wenn deren Durchsetzungsinteresse gerade bei gefährlichen Lebensmitteln immer wieder mal Anlass zu Zweifeln gibt, noch am ehesten davon auszugehen, dass sich ein produktverantwortlicher Wirtschaftsakteur zügiger sowie vielleicht auch sorgfältiger um eine effektive und wirksame "Problemlösung" bemüht.

 

Zu den Zuständigkeiten für eine Verbraucherbeschwerde:

Lebensmittel (Food), die beispielsweise organische und/oder anorganische Fremdkörper aufweisen, verdorben bzw. ekelerregend sind und/oder nach deren Genuss jegliche gesundheitlichen Beschwerden auftreten, fallen in den Zuständigkeitsbereich sogenannter Lebensmittelüberwachungsbehörden. Diese tragen meistens (aber nicht ausschließlich) den Namen Lebensmittelüberwachungs- und/oder Veterinäramt und haben ihren Sitz grundsätzlich in der - für den Wohnort des betroffenen Verbrauchers zuständigen - Kreisbehörde (Kreisverwaltung / Landratsamt) sowie bei kreisfreien Städten in der jeweiligen Stadtverwaltung.
Fundstellen: » "Behördliche Ansprechstellen in xxx"
kreisnavigator.de » "Der direkte Weg zu allen Landkreisen"

 

Bei Produkten (Non-Food), die beispielsweise durch ihren Geruch, körperliche Reaktionen etc. belastet und/oder funktions-/konstruktionsbedingt unsicher oder gefährlich wirken, ist die Auswahl der zuständigen Behörde grundsätzlich abhängig von der Art eines Produktes.

  • Handelt es sich um Textilien, Kosmetik, Dekorationsartikel und sogenannte "Lebensmittelkontaktmaterialien", so ist die Ansprechstelle grundsätzlich auch dieselbe wie bei Lebensmitteln (wie vorstehend beschrieben);
  • bei gefahrenträchtigen Mängeln an Spielzeug, Elektrohaushaltsgeräten, Lampen, Werkzeugen, persönlichen Schutzausrüstungen, pyrotechnischen Gegenständen sind sogenannte Marktüberwachungsbehörden zuständig. Diese haben ihren Sitz grundsätzlich in der - für den Wohnort des betroffenen Verbrauchers zuständigen - Bezirksbehörde (Bezirksregierung / Regierungspräsidium); unterschiedliche Organisationsstrukturen der Bundesländer jedoch können u. U. eine Nachfrage beim nächstgelegenen Ordnungs- und/oder Gewerbeaufsichtsamt erforderlich machen.

 

Zum Ablauf einer Verbraucherbeschwerde:

Verbraucherbeschwerden sind grundsätzlich kostenfrei; Verfahren und Abläufe jedoch unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, von Behörde zu Behörde, von Produkt zu Produkt und somit von Fall zu Fall. Nehmen Sie am besten zeitnah zu der von Ihnen erkannten Beanstandung (vorzugsweise schriftlich) Kontakt zu der als zuständig recherchierten Behörde auf. Schildern Sie Ihre Bedenken und fragen Sie nach den durch Sie zu unternehmenden Schritten. Gerade bei Lebensmitteln kommt es auch vor, dass die Behörde eine Abholung anbietet.

 

Zwei grundsätzliche Anmerkungen:

  • Behörden bevorzugen (aus welchen Gründen auch immer), dass sich Verbraucher zuerst mit dem Handel bzw. Hersteller auseinandersetzen. Dieses mag im Fall einer beschädigten Verpackung oder anderer (ungefährlicher) "Kleinigkeiten" zwar ausreichend sein, verschwendet aber unnötig Zeit, wenn es sich um ein ernsthaft gefährliches "Serienproblem" handelt.
  • Für die Meldung von gefährlichen Produkten kann es zudem vorkommen, dass die Marktüberwachungsbehörde auf eine Meldemöglichkeit im » internetgestützten Informations-und Kommunikationssystem für den pan-europäischen Marktüberwachung ("ICSMS") verweist oder gar auf deren Anwendung besteht. Die Erfahrung zeigt, dass dieses System sehr anonym arbeitet und man keine Informationen über den Stand der Dinge erhält, die irgendwann auch einmal sehr wichtig werden können.

 

Tipp:

Wenn eine Verbraucherbeschwerde eingelegt wird, sollte die praktizierte Vorgehensweise Schritt für Schritt schriftlich nachgehalten werden: Eine Kopie der Beschwerde, Eingangsbestätigung bei der Behörde, Gesprächsnotizen, Zwischenbescheide bei längerer Bearbeitungsdauer (Anspruch grds. ab vier Wochen), Ergebnisbericht (gibt es nicht immer automatisch) etc. können bei Gesundheits- und/oder Sachschäden - nicht zuletzt zu Nachweiszwecken gegenüber Versicherungen, gerade bei deren Regressansprüchen - eine besondere Bedeutung erlangen.

Appell an Medien: Konsequente Berichterstattung über Produktrückrufe

Pressemitteilung im PDF-FormatWarnungen vor gefährlichen Lebensmitteln, Spielzeug oder Elektrogeräten erreichen Menschen oftmals nicht | "(...) Verbraucherschützer appellieren an Medien, Produktrückrufe konsequenter zu veröffentlichen. Bislang würden viele Menschen nicht ausreichend darüber informiert, wenn beispielsweise Lebensmittel mit Salmonellen verunreinigt sind oder Fremdkörper enthalten – was erhebliche gesundheitliche Folgen haben könne, argumentierten die » Verbraucherzentrale Hamburg, die Verbraucherorganisation » foodwatch sowie die Betreiber der nicht-kommerziellen Rückrufportale » produktrueckrufe.de und » produktwarnung.eu in einem gemeinsamen Brief an Chefredaktionen sowie leitende Journalistinnen und Journalisten. Medien müssten die konsequente und kontinuierliche Veröffentlichung von Produktwarnungen „als ihre Verantwortung“ verstehen. „Zahlreiche Erkrankungs-, mitunter sogar Todesfälle, ließen sich vermeiden, wenn die Informationen über Rückrufaktionen schnell und zuverlässig verbreitet werden“, heißt es in dem Appell. Die Absender kritisieren, dass Behörden und Unternehmen bislang bei weitem nicht alles dafür machten, betroffene Menschen zu warnen.

Die Verbraucherschützer gaben Medien konkrete Empfehlungen für den redaktionellen Umgang mit Produktrückrufen, die sie mit dem Brief versenden und im Internet zum Download anbieten. Den Redaktionen raten sie, möglichst zeitnah und konsequent über alle Rückrufaktionen zu berichten und dafür etwa eine feste Rubrik einzurichten. Die Bekanntheit eines Herstellers, einer Produktmarke oder die Zahl der potenziell betroffenen Menschen dürfte nicht darüber entscheiden, ob ein Rückruf verbreitet wird oder nicht. Zudem sollten die potenziellen Gefahren der Produkte „möglichst klar und verständlich“ benannt und nicht bagatellisiert werden. Die Verbraucherschützer raten darüber hinaus, feste Ansprechpartner in den Redaktionen für das Thema zu benennen.

Jede Woche werden in Deutschland im Schnitt drei Lebensmittel zurückgerufen. In schwerwiegenden Fällen kann es zu Verletzungen oder Erkrankungen kommen, in einigen Fällen besteht Lebensgefahr. Hinzu kommen zahlreiche weitere Produkte wie Kinderspielzeuge oder Elektrogeräte, die aufgrund von Schadstoffbelastungen oder technischen Fehlern zurückgerufen werden. Dass viele Menschen über Rückrufe nichts erfahren, liegt den Verbraucherschützern zufolge insbesondere an der unzureichenden Gesetzeslage und mangelhaften Standards: Diese erlaubten es, dass Behörden, Hersteller und Handelskonzerne nur unzureichend über Lebensmittelrückrufe informieren. Während Behörden nur äußerst eingeschränkte Informationen hätten und daher selten offensiv an die Öffentlichkeit gingen, informierten Supermärkte in der Regel gar nicht oder nur mit unscheinbaren Aushängen im Markt über den Rückruf eines Markenproduktes aus ihrem Sortiment – selbst dann, wenn es sich um ernsthafte Gesundheitsrisiken handele, so die Kritik."
» Pressemitteilung "Appell an Medien" im PDF-Format
» "Empfehlungen an die Redaktionen" im PDF-Format
Lesenswert: foodwatch.de » Report: "Um Rückruf wird gebeten (...)" im PDF-Format

 


 

- S E H E N S W E R T -


frontal 21 > Gefahr im Essen | Wirkungslose Lebensmittelrückrufe
frontal21

Gefahr im Essen
Wirkungslose Lebensmittelrückrufe


» mehr dazu

 


Weitere Beiträge...

  1. Schnupfer aufgepasst! Gefahr von Glassplittern in tabakfreiem Schnupfpulver von PÖSCHL TABAK
  2. Die ´BAM´ informiert zur Erkennbarkeit legaler Feuerwerksartikel
  3. Anforderungen von VerbraucherInnen an eine seriöse Verbraucherinformation bei Produktgefahren
  4. Millionenfacher Identitätsdiebstahl: BSI bietet Sicherheitstest für E-Mail-Adressen
  5. BSI und Polizei warnen vor besonders aggressiver Schadsoftware
  6. Weniger gefährliche Artikel auf dem EU-Markt: "RAPEX sei Dank"
  7. "Öffentlicher Warenrückruf" für Feuerwerksartikel von NICO
  8. BSI empfiehlt Überprüfung von PCs auf Schadsoftware
  9. Behörden warnen vor besonders gefährlichen Feuerwerksbatterien
  10. RAPEX: Europäische Kommission warnt vor Produktgefahren
  11. Hygiene-Spray von DM-DROGERIE MARKT: Entzündungsgefahr
  12. Ätzend: Umweltbundesamt verbietet Reinigungsmittel "POR ÇÖZ"
  13. BfR warnt vor Salpetersäure-haltigen Reinigungsmitteln
  14. Europäische Kommission benennt wieder gefährliche Produkte
  15. Rückrufaktion für verunreinigtes Insektizid von CELAFLOR
  16. RAPEX: Zahlreiche gefährliche Produkte aus und in Deutschland
  17. LIDL ruft gesundheitsgefährliche Partyartikel zurück
  18. RAPEX listet gefährliche Produkte in und aus Deutschland
  19. Deutsche Verbraucher von RAPEX-Warnungen betroffen
  20. Europäische Union informiert über gefährliche Produkte
  21. EU-Schnellwarnsystem warnt vor ernsthaft gefährlichen Waren
  22. Deutschland: Gefährlicher Mix unsicherer Produkte in "RAPEX"
  23. BSI warnt vor kritischer Sicherheitslücke im Internet Explorer
  24. Austausch von HP Tintenpatronen: Fehlmengen
  25. RAPEX: Explosionsgefahr bei PYROMASTER Löschspray

Zusätzliche Informationen