´Für gesundheitliche Beschwerden geeignet´: Mikrobiologische Verunreinigung von NOCKER Lyoner

foodwatch - die essensretterAnstelle eines eigenen Beitrages folgend ein Auszug aus einer Pressemitteilung von foodwatch e. V. (Berlin):

"Rückruf von keimbelasteter Lyoner-Wurst: Hersteller verschleiert Risiken, bayerische Behörden versagen beim Gesundheitsschutz

  • Krankheitserreger wurde trotz öffentlichen Rückrufs tagelang verschwiegen
  • Behörden in Bayern dulden verharmlosende Information der Öffentlichkeit
  • foodwatch fordert verbindliche Standards für Lebensmittelrückrufe

Berlin, 7. September 2017. Die Verbraucherorganisation foodwatch hat den bayerischen Lebensmittelbehörden im Zusammenhang mit dem Rückruf eines belasteten Wurst-Produkts Versagen vorgeworfen. Nach Auffassung von foodwatch warnte der Hersteller nur lückenhaft und verschwieg Risiken für die Menschen – weil die Behörden dies duldeten, nahmen sie Gesundheitsgefahren in Kauf. Ende der vergangenen Woche hatte die Otto Nocker GmbH aus Germaringen (Landkreis Ostallgäu) mehrere Chargen eines Lyoner-Produkts zurückgerufen. Tagelang ließen Hersteller und Behörden die Öffentlichkeit jedoch im Unklaren über den genauen Grund des Rückrufs, Anfragen dazu blieben ohne Auskunft. Inzwischen ist die Ursache bekannt: eine Belastung mit der hochgefährlichen Bakterienart Listeria, die schwerwiegende Erkrankungen auslösen kann. Doch statt die potenziellen Symptome und Gesundheitsrisiken konkret zu benennen, werden diese bis heute als mögliche „Beschwerden“ verharmlost. Die bayerischen Behörden verzichteten nach Kenntnis von foodwatch auf eine eigene Warnung.

„Wenn ein Hersteller völlig unzureichend vor einem belasteten Lebensmittel warnt, bei Nachfragen mauert und auch nach Tagen noch die Gesundheitsgefahren verharmlost, müssen die Behörden einschreiten: Sie können die Menschen selbst warnen oder eine angemessene Information durch den Hersteller anordnen. Die bayerischen Behörden tun beides nicht, sondern verschließen ihre Augen vor dem Unwillen oder der Unfähigkeit des Herstellers – das ist fahrlässig“, erklärte Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei foodwatch. „Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf muss erklären, wie es erneut zu einem solch eklatanten Versagen der Lebensmittelbehörden im Freistaat kommen kann und wie sie dies in künftig verhindern will.“

Vom Rückruf der Otto Nocker GmbH sind mehrere Chargen „Lyoner, in Streifen geschnitten“ betroffen – als Grund nannte der Hersteller zunächst lediglich nicht näher spezifizierte „mikrobiologische Verunreinigungen“. In der ohne Datum veröffentlichten Pressemitteilung des Unternehmens hieß es lapidar: „Das Produkt ist geeignet, gesundheitliche Beschwerden hervorzurufen.“

Das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wies erstmals am 1. September 2017 auf dem staatlichen Portal lebensmittelwarnung.de auf den Rückruf hin. Weder Unternehmen noch Behörden informierten die Öffentlichkeit darüber, um welche „Verunreinigung“ es sich handelte, welche „Beschwerden“ bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern auftreten können und wie groß die Risiken einzuschätzen sind. Eine Anfrage von foodwatch vom 4. September an das zuständige Landratsamt Ostallgäu wurde bis zum heutigen Tag noch nicht beantwortet. Die Otto Nocker GmbH teilte am 5. September auf Anfrage lediglich mit, sie habe den Text des Rückrufs mit der „zuständigen Überwachungsbehörde abgestimmt“ – und bat darum, „von weiteren Nachfragen abzusehen“. Zunächst hatte es das Unternehmen bereits gegenüber dem Onlinemagazin cleankids.de abgelehnt, weitere Fragen zu dem Rückruf zu beantworten.

Fünf Tage nach dem ursprünglichen Rückruf aktualisierten Hersteller und Behörden ihre Information und gaben nun an, dass es sich bei den gefundenen Keimen um Listerien handelt – bis heute ist allerdings auch in der erneuerten Pressemitteilung weiterhin nur unzureichend von möglichen „gesundheitlichen Beschwerden“ die Rede. Dabei handelt es sich bei Listerien um eine Bakterienart, die insbesondere bei Schwangeren, Säuglingen sowie immungeschwächten Menschen eine seltene Infektionskrankheit (Listeriose) auslösen kann, die in Einzelfällen sogar mit Todesfolge verbunden sein kann. Bis heute unbekannt ist die Höhe der Keimbelastung, zudem verzichten Unternehmen wie Behörden nach wie vor auf eine Benennung der Verkaufsstellen der betroffenen Produkte.

Sowohl der Rückruf als auch die öffentliche Warnung vor einem unsicheren Lebensmittel ist in erster Linie Aufgabe der Unternehmen. Die Behörden haben jedoch die Möglichkeit, dem Hersteller anzuordnen, seinen Rückruf zu korrigieren oder Gesundheitsgefahren deutlicher zu benennen. Wie ein öffentlicher Rückruf genau zu erfolgen hat, dafür gibt es jedoch keine verbindlichen Vorgaben. foodwatch forderte die Bundesregierung daher auf, eine klare Rechtsgrundlage für behördliche Anordnungen zu schaffen. Es brauche verbindliche Standards für Rückrufe – so müssten künftig etwa der genaue Grund für den Rückruf und die damit verbundenen Risiken angegeben werden.

Der aktuelle Fall um die Lyoner-Wurst ist laut foodwatch keine Ausnahme. Gesundheitliche Risiken von Lebensmitteln, die zum Beispiel mit Bakterien belastet sind oder Fremdkörper enthalten, würden von Herstellern und Behörden immer wieder verharmlost, so das Ergebnis eines Reports, den die Verbraucherorganisation vor kurzem veröffentlichte. Etliche Lebensmittelwarnungen kämen zudem verspätet, manche sogar gar nicht. foodwatch kritisierte in dem Report auch das Internetportal lebensmittelwarnung.de als gescheitert. Eine Auswertung von allen 92 Rückrufaktionen, die dort in zwei Testzeiträumen über insgesamt zwölf Monate hinweg veröffentlicht wurden, ergab: Die verantwortlichen Behörden stellen fast jede zweite Warnung (47 Prozent) verspätet auf die Seite. Die betroffenen Lebensmittelunternehmen nutzen praktisch nie alle verfügbaren Kommunikationskanäle, um vor unsicheren Produkten zu warnen."
» www.foodwatch.org/de
Lesenswert: foodwatch.de » Report "Um Rückruf wird gebeten" (PDF, 2,8 MB)

 

NEIN, dieser Beitrag soll keine Werbung für "foodwatch" sein. Aber es ist derzeit erkennbar die Verbraucherschutzorganisation, die sich auch praktisch dieser bereits in 2007 (Start "produktrueckrufe.de") erkannten Problematik annimmt und das Thema (endlich einmal) mit entsprechendem Nachdruck auf den Punkt bringt.
NEIN, dieser Beitrag soll nicht nur Behörden in Bayern anregen, die praktische Gestaltung verlässlicher "Verbraucherinformation" zu überdenken! In zahlreichen Bundesländern werden immer wieder Argumente gefunden, gesundheits- und tlw. lebenswichtige Verbraucherinformationen nicht, nur landesintern, eingeschränkt, verharmlosend und/oder mit Verzug zu veröffentlichen.
NEIN, dieser Beitrag hat nicht nur Gültigkeit für Lebensmittel! Vielmehr ist das Problem unzureichender Verbraucherinformation bei Gefahren bereits seit 2007 (Start "produktrueckrufe.de") auch im Bereich von Produkten (= Non Food), "Bedarfsgegenständen", Arzneimitteln, Medizinprodukten sowie Kraftfahrzeugen erkennbar.

UPDATE: Nachweis von Staphylokokken in Gourmet-Rohschinken, verkauft in zwei ALDI SÜD-Bezirken

Eine Produktabbildung ist nicht verfügbarDas Familienunternehmen Schwarz Cranz GmbH & Co. KG (Neu Wulmstorf/NI), echt Altländer Fleischwaren, informiert "aus aktuellem Anlass" zum Rückruf von Schinken aus dem Sortiment einiger Aldi Süd-Filialen. "In einer einzelnen Probe (...) wurde eine mikrobiologische Verunreinigung » (Staphylokokken) nachgewiesen." Aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes wird zurückgerufen: "Fettreduzierter Gourmet Rohschinken in Scheiben" in der 175 g-Packung mit der Chargennummer L3194057613 und dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) 16.10.2017. Der Artikel wurde - Herstellerangaben zufolge - ausschließlich über Aldi Süd in den Bezirken Rheinhessen-Pfalz und Darmstadt verkauft; die Behörden hingegen melden (zumindest derzeit) eine Betroffenheit folgender Bundesländer: Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen. "Noch vorhandene Packungen mit dem entsprechenden MHD und Chargennummer können selbstverständlich gegen Erstattung des Kaufpreises am Kauf-Ort zurückgegeben werden", so das Unternehmen. Auch wird versichert, "dass andere Mindesthaltbarkeitsdaten/ Chargennummern dieses Artikels oder andere von Schwarz Cranz vertriebene Produkte nicht betroffen sind." Mögliche Unannehmlichkeiten, die mit dieser Maßnahme verbunden sind, werden bedauert. Auffallend: In der amtlichen Meldung versprechen die Behörden, dass in jeder belieferten Aldi Süd-Filiale eine Kundeninformation ausgehängt werde. Bleibt zu hoffen, dass zumindest darauf eine Produktabbildung sichtbar ist sowie ein ausdrücklicher Gefahrenhinweis erfolgt, denn "Staphylokokken können sowohl zu lebensmittelbedingten Vergiftungen als auch zu Infektionskrankheiten führen (...). Dominierende Symptome  sind Erbrechen, Übelkeit, Durchfall und Kreislaufsymptome. Bereits äußerst geringe Toxinmengen können hierfür ausreichen" (Quelle: » Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)).
» www.schwarz-cranz.de | » www.aldi-sued.de | » Weitere Informationen im PDF-Format
Lesenswert: ec.europa.eu » "Leitfaden für Korrekturmaßnahmen (...)"
(Hinweise zum Inhalt der Kommunikation ab Seite 23 ff, insb. Nr. 3.5, 2. Absatz)

Update vom 08.09.2017: Kurz nach Erscheinen des o. a. Beitrages wurde in der amtlichen Meldung auf "lebensmittelwarnung.de" die Betroffenheit des Bundeslandes Thüringen widerrufen; auch ist aus der Warnung der Hinweis "In jeder durch Aldi-Süd belieferten Filiale wird eine Kundeninformation ausgehängt" entfernt worden.

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